Gedanken zur Diskussion über einen 12 Stunden Arbeitstag

Der von der Politik geforderte 12 Stunden Arbeitstag, geht gleichzeitig mit einer Aufstockung der Betreuungsplätze und Ausweitung der Betreuungszeiten einher. Viele Familien haben nicht die Möglichkeit ihre Kinder nachmittags nach dem Schulunterricht von Verwandten verpflegen und versorgen zu lassen und müssen daher staatliche Programme in Anspruch nehmen, um während ihres langen Arbeitstags für eine entsprechende Betreuung sorgen zu können.

Die Frühbetreuung an Schulen beginnt individuell schon gegen 7.15 Uhr. Manche Kinder verbringen dann nahezu ihren gesamten Tag im Klassenraum, während ihre Eltern ihrer Arbeit nachgehen. Gerade in Ballungsräumen gibt es aufgrund der steigenden Schülerzahlen wenig verfügbaren Raum, sodass die Schüler und Schülerinnen auch ihren Nachmittag in dem Klassenraum verbringen, in dem sie am Vormittag unterrichtet wurden. Wenn Klassenräume mit Tischen und Sesseln für 25 Kinder vollgestellt sind, bleibt wenig Platz für eine ansprechende räumliche Ausstattung, wie Entspannungssofas, Ruhebereiche oder freie Bewegungsmöglichkeiten.

Fakt ist auch, dass die gemeinsame Zeit für Familien oder private Freizeitaktivitäten, wie Musikschulen oder Sportvereine, weniger wird oder sich weit in den Abend hinein verschiebt.

Manche Eltern haben das Gefühl, dass der Staat so immer mehr in ihr Familienleben eingreift und der erzieherische und bildende Einfluss der beziehungsstärksten Personen auf ihr Kind abnimmt. Auf der anderen Seite beobachtet schulisches Personal, dass sich Eltern immer mehr von der Erziehungstätigkeit zurückziehen und wenig Verantwortung gegenüber ihren Kindern übernehmen möchten. Oftmals fehlt nach einem langen Arbeitstag auch einfach die Zeit, um Schwierigkeiten in aller Ruhe auszusprechen oder noch einen Blick auf die hoffentlich bereits erledigten Hausaufgaben zu werfen.

Der Tag in der Schule wird den Kindern vorgegeben und findet in einem Wechsel von Unterricht durch eine Lehrperson und die Betreuung durch einen Nachmittagsbetreuer oder eine Nachmittagsbetreuerin statt. Es kann dazu kommen, dass die Entwicklung der Selbstständigkeit eines Kindes durch den ganztägigen Bezug zu einer Lehrer- oder Betreuungsperson auf der Strecke bleibt. Dem individuellen und persönlichen Lern- und Spielrhythmus eines Kindes kann in dem institutionalisierten System kaum nachgekommen werden. Lern- und Spielphasen werden von der Einrichtung vorgegeben und mit Personal besetzt. Benötigt ein Kind für die Erledigung der Hausaufgaben etwas mehr Aufmerksamkeit oder Zeit, ist dies zu Hause mit der Unterstützung von Bezugspersonen meist gut möglich. In großen Lerngruppen sind die Kinder vielen Außenreizen ausgesetzt und es kann vorkommen, dass sie sich bei ihren Aufgaben nur schwer konzentrieren können. Die psychische und körperliche Leistungsfähigkeit der Kinder kann dadurch überreizt werden.

Durch Ganztagsbetreuung können die Kinder einem starken Gruppendruck, der von den anderen Schülern und Schülerinnen ausgeht, ausgesetzt sein. Die Kinder bauen sich schließlich ihr soziales Netzwerk nicht mehr selbst auf, sondern werden mit einer vorgegebenen Peer-Group zusammengemischt.

Tatsächlich kann ein ganztägiges Angebot für manche Kinder deutlich förderlicher sein, als den Tag alleine zu Hause mit einer Packung Chips als Mittagsessen vor dem Fernseher zu verbringen. Die ganztägige Betreuung kann aber bestimmt nicht alle individuellen Persönlichkeiten, Interessen und Begabungen der Kinder befriedigen und selbst eine personell und finanziell gut ausgestattete Einrichtung, kann nur ein vorgegebenes Betreuungskonzept bieten. Anspruchsvolle Sprachkurse oder ein künstlerisches oder sportliches Angebot, das über Singen und das wöchentliche Fußballtraining hinausgehen, können nur in der Freizeit angeboten werden und dazu sollten die Nachmittage unserer Kinder genützt werden können.

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